Der politische Kommentar: Die soziale Auslese im deutschen Bildungssystem muss ein Ende haben!

Veröffentlicht am 28.10.2008 in Bundespolitik
Saskia Esken

Von Saskia Esken

Studien der OECD, aber auch eigene Untersuchungen haben schon vor Jahren festgestellt, dass in Deutschland die soziale Herkunft ebenso wie ein familiärer Migrationshintergrund in unerträglich hohem Maße über die Bildungschancen und Berufsaussichten und damit über die Teilhabe an der Gesellschaft entscheidet. Daran haben alle bisherigen Reformbemühungen nichts geändert. Angesichts der Blockadehaltung einiger christdemokratischer Ministerpräsidenten, allen voran des baden-württembergischen Schulstruktur-Betonkopfs Günther Oettinger, wird auch der Bildungsgipfel am 22. Oktober in Dresden daran nichts ändern.

Denn die Selektion der Schüler am Ende der 4-jährigen Grundschulzeit, von Oettinger so vehement als „das Beste für unsere Kinder“ verteidigt, sie zementiert die Gräben in unserer Bildungslandschaft und damit in unserer Gesellschaft. Was muss ein Schulsystem bieten, das sich eine der führenden Wirtschaftsnation Deutschland entsprechende Qualität, die Überwindung des Fachkräftemangels und die Herstellung von Chancengerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat? 1. Ein Höchstmaß an Engagement in die frühkindliche Bildung Die Bildungsinvestition mit der höchsten Rendite ist naturgemäß die Investition in die frühkindliche Bildung. Was wir hier brauchen, ist
  • Handelndes Lernen, das in jedem Kindergarten schon seit Jahrhunderten stattfindet – schließlich kann unser Gehirn und auch das von Kindern gar nicht anders als zu lernen, auch und gerade beim Spielen. Neu und begrüßenswert ist die Systematik der Bildungspläne und die Dokumentationspflicht.
  • Spracherwerb, der Schlüssel zu Schulerfolg und Teilhabe an Arbeitswelt und Gesellschaft. Deshalb brauchen wir Sprachförderung für alle Kinder vom ersten Tag an. Diese Förderung ist eine originäre Aufgabe der öffentlichen Haushalte und nicht die Aufgabe einer Landesstiftung Baden-Württemberg. Fördert die Sprache immer und überall! Der unsinnige Sprachtest kann dagegen unterbleiben: vom Wiegen wird die Sau nicht fett.
  • Kooperation mit den Grundschulen, damit Kindergartenkinder Lust auf das Lernen bekommen und ohne Angst in die Schule wechseln und sich Grundschüler ohne Berührungsängste von Erzieherinnen Kindergarten betreuen lassen.
2. Ein neue Unterrichtskultur an den allgemeinbildenden Schulen Für den Erhalt der natürlichen Neugier und Lernfreude und für ein Ende der sozialen Selektivität unseres Bildungssystems brauchen wir
  • den Paradigmenwechsel vom Klassenunterricht zum individualisierten, selbstständigen und selbsttätigen Lernprozeß im eigenen Tempo, das eine anregende Lernumgebung braucht und multiprofessionelle Lernbegleiter
  • die Vertiefung des Spracherwerbs hin zu Schriftsprache für alle – unser Bildungssystem darf keine (funktionalen) Analphabeten zurücklassen!
  • die Förderung und die Integration benachteiligter und behinderter Schülerinnen und Schüler – keiner geht verloren, alle gehören dazu!
  • das handelnde Lernen, das durch den stetigen Praxisbezug bewahrt bleibt. Kooperationen mit Betrieben verstärken dies und dienen der Berufsorientierung und der Ausbildungsfähigkeit – nicht als Projekt, sondern als Daueraufgabe.
  • das soziale Lernen hat im personell und materiell hinreichend ausgestatteten Ganztagesbetrieb ebenso seinen Platz wie die Förderung und Forderung aller sowie eine sinnvolle Freizeitgestaltung im Lebensraum Schule.
Die genannten Zielsetzungen für alle Schüler erreichen – das kann am besten die lokale Gemeinschaftsschule für alle, die Schülerlaufbahnen bis zum Ende der Schulpflicht verbindet. Für ein längeres gemeinsames Lernen plädieren inzwischen der Handwerkstag, die ev. Landeskirchen, der Landesjugendring, der DGB mit einigen Einzelgewerkschaften, SPD und Grüne, in Teilen die FDP, der AK der Gesamteltern-beiräte und die Initiative „Längeres gemeinsames Lernen“. Nur die CDU, allen voran die in Baden-Württemberg, verweigert sich jeglicher Einsicht und hält stur an der Selektion fest. Steckt hinter dieser Blockadehaltung etwa die kühle Absicht, „Oben“ und „Unten“ in der Gesellschaft weiterhin fein säuberlich zu trennen? Über 60 Anträge von Kommunen auf Schulversuche, die neue Wege beschreiten wollen, liegen unbearbeitet und ohne Aussicht auf Genehmigung beim Kultusministerium vor. Das integrative Schulentwicklungsprojekt der Walddorfschule in Emmendingen, wo behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet wurden, wird nach dem Willen der Landesregierung nicht fortgesetzt. Dagegen konnte eine private Bekenntnisschule von baptistischen Kreationisten trotz erheblicher Bedenken des Verwaltungsgerichts das Regierungspräsidium in Stuttgart überzeugen, beide Augen zuzudrücken. Wo leben wir eigentlich? 3. Ein Recht auf einen Schulabschluss und eine qualifizierte Berufsausbildung, den Anspruch auf qualifikationserhaltende Weiterbildung für alle!
  • 7% der Kinder von Migranten und 1% der deutschen Kinder verlässt das deutsche Schulsystem ohne einen Schulabschluss. Weil diese Kinder in unserer Welt keine Chance haben, brauchen wir deshalb ein Recht, vielleicht aber auch die Pflicht für den Abschluss einer grundlegenden Schulbildung. 34% der Migranten im Alter von 25 - 34 Jahren und 15% aller Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren bleiben ohne Berufsausbildung, dabei geht der Bedarf an ungelernten Kräften immer weiter zurück!
  • Immer mehr Geld wird investiert, aktuell 4,6 Milliarden Euro, in die späte Förderung der Ausbildungsfähigkeit in BVJ und BEJ, in EQJ und BAE und vielleicht auch noch in abH und akku! Nicht nur chancenlose Jugendliche und junge Erwachsene stehen verständnislos vor dem undurchdringlichen Gewirr von Fördermaßnahmen, die ihnen nach einem Scheitern im regulären Bildungssystem offen stehen.
  • Der Ruf nach dem Rechtsanspruch ist hierbei nicht nur sozialpolitisch oder gar sozialromantisch motiviert. Der bereits bestehende und der drohende ansteigende Fachkräftemangel wird auch der Wirtschaft bald deutlich machen, dass wir die Potenziale so vieler junger Menschen nicht verschenken dürfen!
  • Bis 2020 werden der deutschen Wirtschaft weit über 1 Million Fachkräfte fehlen. Diese Lücke stellt ein immenses Risiko für unsere wirtschaftliche Entwicklung dar. Dabei fehlen nicht nur Fach- und Hochschulabsolventen, es fehlen in großer Zahl auch die qualifizierten Facharbeiter. Durch die Gewährleistung eines Rechts auf Schulabschluss und Berufsausbildung für alle könnten in den nächsten zehn Jahren 1 Million zusätzlicher Fachkräfte bereitgestellt werden. Sollte der deutschen Wirtschaft aber die Einsicht in diese Zusammenhänge weiter schwer fallen, dann müssen eben überbetriebliche Ausbildungsplätze her, finanziert durch die schon lange fällige Ausbildungsabgabe. Auf die Einsicht haben wir ebenso vergeblich lange gewartet wie auf den Erfolg der freiwilligen Selbstverpflichtung.
Die Menschen erfahren täglich aufs Neue, dass in Deutschland der Bildungserfolg und damit der Erfolg in der Gesellschaft vom Geldbeutel der Eltern abhängt – und dass die ideologische Blockade in manchen Teilen der CDU verhindert, dass sich daran etwas ändert. Den Betroffenen ist es dabei ziemlich egal, ob Bund oder Länder für diese Misere verantwortlich sind! Und deshalb ist und bleibt die Bildungsgerechtigkeit ein Thema für die Bundespolitik – auch und gerade im Wahlkampf 2009! Saskia Esken im Oktober 2008
 

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