Pressebericht: In den beiden Kulturen zu Hause sein

Veröffentlicht am 30.05.2009 in Ortsverein

Bad Wildbad. Als Zehnjähriger ist der Spanier Alvaro Campillo Maldonado am 21. Dezember 1962 mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Deutschland gekommen.

Daran kann sich der Bad Wildbader Architekt deshalb so genau erinnern, weil der Winter in Deutschland 1962/1963 sehr streng war: »Es war der härteste und kälteste Winter bis heute.« Sein Vater war bereits in Deutschland und arbeitete als Elektriker. Campillo wuchs in dem kleinen Ort Baisingen im heutigen Landkreis Tübingen auf.

Seit 1995 lebt er mit seiner Familie in Bad Wildbad. Auf der Liste der SPD möchte er bei der Kommunalwahl am 7. Juni in den Gemeinderat von Bad Wildbad gewählt werden. Im Oberen Enztal mit den Kommunen Höfen, Bad Wildbad und Enzklösterle ist er der einzige Bürger der Europäischen Union, der nicht gleichzeitig deutscher Staatsbürger ist, der ein Mandat in einem Gemeinderat anstrebt. Außerdem ist er der einzige EU-Bürger ohne deutsche Staatsangehörigkeit, der für den Kreistag in Calw kandidiert.

»Integrationsprobleme«, wie es sie heute vielfach gibt, waren für ihn in Deutschland nie ein Thema. Im Gegenteil: Campillo integrierte sich problemlos in die Dorfgemeinschaft. Er spielte Fußball und musizierte. Diesem Staat und dieser Gesellschaft ist er »unglaublich dankbar«. Im faschistischen Spanien von Diktator Francisco Franco hätten nur diejenigen mit Geld Bildung bekommen. Eine Schulpflicht habe nicht existiert, so Campillo über die Verhältnisse unter Franco, der vom Ende des Bürgerkrieges im Jahre 1939 bis zu seinem Tod im Jahre 1975 über Spanien herrschte. Doch sein Vater hat ihm schon in Spanien eine Schulausbildung ermöglicht.

In Deutschland bekam er ganz andere Möglichkeiten. Weil kurz zuvor die damalige Bundesregierung die Ausbildungsförderung auch für nichtdeutsche Kinder eingeführt hatte, war es ihm sogar möglich, in den 1970-er Jahren ein Architekturstudium an der Universität Konstanz und der Gesamthochschule in Kassel zu absolvieren.

In Bad Wildbad fühlt er sich mit seiner Familie integriert. Zusammen mit seiner Frau Sybille Schneider-Campillo betreibt er ein Architekturbüro. Als Experte für Architektur- und Stadtplanung hat er mit Spannung die regen Diskussionen in Bad Wildbad um den Tunnel und die Verlängerung der Stadtbahn bis zum Kurpark verfolgt. Er war immer ein leidenschaftlicher Anhänger dieser Verlängerung der Stadtbahn.

Von den damaligen Gegnern würde er sich heute ein Eingeständnis wünschen, dass sie sich geirrt hätten. »Vor dem Tunnel und der Stadtbahn war die Stadt nur für die Autos da«, erinnert er. Das sei mittlerweile anders geworden. Campillo nennt den Tunnel sowie die Stadtbahn »lebenswichtige Projekte« für die Stadt. »Es war hochinteressant, diesen Prozess zu verfolgen und mitzugestalten«, so der Architekt. »Die Infrastruktur ist die Lebensader einer Region«, ist seine Überzeugung.

1999 kandidierte Campillo auf der Liste der SPD zum ersten Mal für den Gemeinderat. Auch 2004 ließ er sich aufstellen: »Ich wollte meine Fachkenntnisse einbringen.« In diesem Jahr versucht es der 56-Jährige erneut.

Und warum engagiert sich Campillo für die SPD? Er begründet das mit seiner Familiengeschichte. So waren Großeltern von ihm während der Franco-Diktatur in der sozialistischen Partei Spaniens aktiv. Bereits im Untergrund zu Francos Zeiten hätten Spaniens Sozialisten viel Unterstützung von der damaligen SPD unter Willy Brandt erhalten.

Obwohl sich Campillo in Bad Wildbad wohlfühlt, ist er immer Spanier geblieben und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft nicht an: »Diese Frage hat sich nie gestellt. Ich bin als Spanier geboren.« Deshalb wählt er weiter die regionale Volksvertretung und das nationale Parlament in Spanien.

Folglich wählt er auch beim Europaparlament die spanischen und nicht die deutschen Kandidaten. Für ihn ist das eine Anbindung an die eigenen Wurzeln, die viel mit Emotionen zu tun habe. Campillo liebt seine Heimatstadt Madrid und ist Fan von Real. Da er sich auch Süddeutschland stark verbunden fühlt, ist er in beiden Kulturen zu Hause. Auf der rationalen Ebene funktioniert Campillo ohnehin mehr als Deutscher. Die deutsche Sprache ist ihm näher als die Spanische: »Ich träume in Deutsch.« Andererseits zählt er in Spanisch.

Die Entwicklung von Spanien in den vergangenen Jahren sieht Campillo durchaus kritisch. Heftig kritisiert er den Umgang der Spanier mit der Umwelt sowie mit dem Trinkwasser: »Dort wird das meiste Wasser verbraucht.« Das sei so in Deutschland nicht möglich, da der Wasserzins hierzulande wesentlich höher sei als in Spanien.

Auch die »Müllkippen« sowie der Landschaftsverbrauch durch eine »unkontrollierte Bauwut« sind ihm ein Dorn im Auge.

Von Wolfgang Krokauer (erschienen am 29.05.2009 im Enztäler)